DeepDrive

Süddeutsche Zeitung: Das Rad neu erfunden

Süddeutsche Zeitung: veröffentlicht am 23.06.2022 von Joachim Becker

Höhere Reichweite und niedrigere Kosten bei Elektroautos: Wie das mit Hilfe eines leistungsstärkeren Radnabenantriebs funktionieren kann.

 

Flach, lang, leicht: In der guten alten Verbrennerwelt könnte der fünf Meter lange Lightyear 0 als Sportwagen durchgehen. Allerdings erinnern die verkleideten Hinterräder weniger an Motorsport als an Energiespar-Rallyes. Genau wie die schwarzen Solar-Schindeln auf der Motorhaube und dem schier endlos langen Dach. Außerdem taucht die lediglich 1,44 Meter hohe Flunder mit einem CW-Wert von 0,19 extrem gut unter dem Wind weg. “Bei Lightyear versuchen wir, die Reichweite nicht durch zusätzliche Batterien zu erhöhen, sondern indem wir das Fahrzeug effizienter machen, sodass es mit einer relativ kleinen Batterie mehr Kilometer fahren kann”, erklärt Arjo van der Ham, Technik-Chef des Start-ups.

Vor sechs Jahren wurde die niederländische Firma gegründet, in diesem Spätsommer soll das erste Modell in einer Kleinserie auf den Markt kommen. Das Team von mittlerweile 450 Mitarbeitern tüftelt nicht nur an den windschlüpfrigen Formen des Lightyear 0 und der Energiegewinnung durch Solar-Panels, sondern auch an einem Direktantrieb durch Radnabenmotoren: “Es geht nur um Effizienz. Da die Motoren direkt in den Rädern untergebracht sind, werden keine Antriebswellen, kein Differential und kein Endantrieb mehr benötigt. Alle diese rotierenden mechanischen Komponenten erzeugen Reibungswiderstand und verringern damit die Gesamteffizienz und Reichweite des Fahrzeugs”, so Arjo van der Ham.

Seit Langem gelten Elektromotoren in den Rädern als besonders effizient, viel Erfolg hatten die Hersteller damit allerdings nicht. Zu schwach waren die Motörchen im Format von Trommelbremsen und zu anfällig für eindringenden Schnee, Eis und Straßenschmutz. Außerdem klang der außenliegende Antrieb nicht selten wie eine sirrende Straßenbahn – kein überzeugender Auto-Sound. Doch die Technik macht Fortschritte, der Zulieferer Schaeffler bringt das System für kleine Nutzfahrzeuge in Serie. Und diverse Start-ups wie Lightyear und Deep Drive aus München arbeiten an innovativen Pkw-Lösungen.

Die Zulieferer tun sich schwer mit neuen Antriebskonzepten – anders als die jungen Erfinder

“Die Hürde von Radnabenantrieben war bisher immer das Thema Performance”, sagt Stefan Ender, Geschäftsführer und Co-Gründer von Deep Drive: “Um den Direktantrieb ohne Getriebe darzustellen, braucht man eine gewisse Drehmomentdichte. Das funktionierte bisher aber nur mit teuren Spezialmaterialien.” Deshalb scheuen führende Zulieferer wie Bosch die Entwicklung, weiß der Projektmanager. Er und Alexander Rosen, der Chefentwickler von Deep Drive, waren einige Jahre bei den Stuttgartern mit E-Antrieben beschäftigt, bevor sie sich mit Studienfreunden aus dem Motorsport-Team der TU München selbständig machten. “In den großen Konzernen kann man nicht so innovativ sein. Da bekommt man kein Budget dafür”, meint Ender. Im vergangenen Jahr haben die Deep-Drive-Gründer in wenigen Monaten einen Prototypen entwickelt, der auf der IAA in München Aufsehen erregte.

Deep Drive will mit seinem Radnabenantrieb 20 Prozent effizienter sein als herkömmliche E-Motoren. Das Fraunhofer-Institut hat mittlerweile die technische Machbarkeit bestätigt; die ersten Investoren sind auch schon an Bord, darunter der frühere Audi-Entwicklungsvorstand Peter Mertens: “Seit den 1990er-Jahren wurde weltweit mit überschaubarem Erfolg immer wieder versucht, elektrische Radnabenmotoren zu entwickeln, die dauerhaltbar, leise und drehmomentstark sind”, so Mertens: “Die Deep-Drive-Technologie ist ein Durchbruch und wird dazu führen, dass kompakte Elektrofahrzeuge mit niedrigen Kosten und fantastischen Proportionen Realität werden können.”

Weil die Motoren in die Räder integriert sind, sieht das Deep-Drive-Fahrgestell inklusive der Batteriezellen wie ein flaches Skateboard aus. Ohne die Einschränkungen einer Spritzwand zwischen Motorraum und Passagierkabine hat das Design beim Radnabenantrieb alle Freiheiten: Elektroautos müssen nicht mehr wie konventionelle Verbrenner mit langen Motorhauben aussehen. Im Prinzip sind viele E-Mobile auch heute noch so ähnlich aufgebaut: Der Verbrenner wurde lediglich durch eine oder zwei zentrale E-Maschinen in den Achsen ersetzt, ein Ein-Gang-Getriebe reduziert in der Regel die hohen Drehzahlen auf ein radverträgliches Niveau. Doch wie alle Getriebe sorgt auch diese Zahnradübersetzung für Reibungswiderstand: Im Alltag sei eine übliche E-Achse nicht besonders effizient, rechnet Deep Drive vor. Der optimale Wirkungsgrad von bis zu 96 Prozent sinke etwa durch kalte Komponenten im kühlenden Ölbad auf weit unter 90 Prozent.

Über DeepDrive

DeepDrive ist ein in München ansässiges Hightech-Startup, das E-Motoren für Elektrofahrzeuge anbietet. Mit unserer revolutionären neuen Elektromotorentechnologie lösen wir die Hauptprobleme heutiger Elektrofahrzeuge, indem wir ihre Kosten um über 3.000 € senken und die Reichweite um 20 % erhöhen. Darüber hinaus ist die Technologie so kompakt, dass sie anstelle einer zentralen Position, direkt in die Räder integriert werden kann. Bei DeepDrive kombinieren wir ein radikal neues Design mit bewährtem, tiefgreifendem Know-how in der Industrialisierung von Antriebssträngen und entwickeln eine Technologie, die für eine kostengünstige Großserienproduktion geeignet ist. Wir sind bei der Automobilindustrie auf großes Interesse gestoßen und arbeiten bereits mit 8 der 10 größten Automobilherstellern in mehreren Entwicklungsprojekten zusammen. Mit den wichtigsten bereits bestehenden Partnerschaften wollen wir bis 2024 mit der Kleinserienproduktion beginnen und bis 2026 mit der Großserienproduktion fortfahren.

Hinter DeepDrive stehen renommierte High-Tech-Investoren wie UVC Partners und Bayern Kapital sowie die Business Angels Jonas Rieke (COO von Personio) und Peter Mertens (ehemaliges Vorstandsmitglied bei Audi und Volvo).

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